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Gesundheit für alle!


Gesundheitliche Chancengleichheit ist eine Grundvoraussetzung, damit alle Menschen selbstbestimmt leben, lernen und arbeiten können.

Deshalb setzen wir uns als matrix dafür intensiv ein. In verschiedenen Projekten. Von der Verbesserung der Verfügbarkeit technischer Hilfsmittel für Menschen mit Beeinträchtigungen über die Digitalisierung im Gesundheitswesen bis zur Gesundheitsversorgung in ländlichen Räumen.

Ein ganz besonderes Anliegen ist uns die Entwicklung und Umsetzung von Strategien zur Verbesserung der Gesundheitlichen Chancengleichheit in der Gesellschaft. Fast 20 Prozent der Menschen in Deutschland sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Diese anspruchsvolle Arbeit spielt sich in der Regel in konkreten Sozialräumen in den Lebenswelten der Menschen mit ihren sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen ab. Das ist eine große Herausforderung.

2019 ist Zsuzsanna Majzik als Seniorberaterin zu uns ins matrix-Team gestoßen. Sie ist Expertin für soziallagenbezogene Gesundheitsförderung und Inklusionsfragen mit ganz viel praktischer und strategischer Erfahrung von der kommunalen bis zur nationalen Ebene. Wir haben Zsuzsanna gefragt, worum es bei der Gesundheitlichen Chancengleichheit in Sozialräumen geht und was ihr dabei wichtig ist.

„Gesundheitliche Chancengleichheit“: Worum genau geht es dabei?

Chancengleichheit Statistik

15,5 Millionen Menschen in Deutschland sind von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Wir sprechen jetzt schon über fast 20% der Bevölkerung. Und die Armutsquote steigt weiter. Sie erreicht zudem immer mehr gesellschaftliche Gruppen und das Thema ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Armut und soziale Ausgrenzung haben als sozio-ökonomische Benachteiligung einen enormen Einfluss auf den Gesundheitszustand. Armut macht krank und Krankheit kann arm machen.

Armut ist ein Gesundheitsrisiko, das sowohl durch ungesunde Lebens- und Arbeitsverhältnisse als auch durch risikoreiches Gesundheitsverhalten verstärkt wird.

Gesundheitliche Chancengleichheit will den „Teufelskreis aus Armut und schlechtem Gesundheitszustand“ durchbrechen. Über eine verbesserte Gesundheitsförderung soll sozio-ökonomisch benachteiligten Gruppen und Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit ermöglicht werden.

Woraus entwickelt sich gesundheitliche Chancen-Ungleichheit konkret?

Menschen in Armut oder sozialer Ausgrenzung leben oft in ungesunden Wohnverhältnissen, haben schlechtere Arbeitsbedingungen oder oft auch gar keine Arbeit. Sie haben oft wenige tragfähige soziale Kontakte und vor allem auch sehr begrenzte Finanzmittel, um sich einen gesunden Lebensstil leisten zu können. Auch Menschen mit einem niedrigeren Bildungsstand und/oder schlechten Deutschkenntnissen haben weniger Chancen auf ein gesundes Leben. Schwindende oder nie dagewesene Erfolgserlebnisse und fehlende Selbstwirksamkeitserfahrungen können zur Resignation und psychischen Problemen führen. Drastische Folgen dieser gesundheitlichen Chancen-Ungleichheit sind tatsächlich auch deutlich kürzere Lebenserwartungen.

Sozio-ökonomischer Status und Gesundheitschancen hängen also eng zusammen: so warnen Expert*innen des Europäischen Armutsnetzwerkes, dass Armut das Risiko, zu erkranken, verzehnfacht.

Was bedeutet „deutlich kürzere Lebenserwartung“? Das klingt schlimm.

Ja. Das ist wirklich eine Katastrophe mitten in unserem reichen Land. Betroffene Frauen haben in Deutschland eine um 5 Jahre kürzere Lebenserwartung als der Durchschnitt, bei Männern sind es sogar 9 (!) Jahre. Männer und Frauen in besseren sozio-ökonomischen Verhältnissen leben nicht nur länger, sondern verbringen auch mehr Lebensjahre bei vergleichsweise besserer Gesundheit.

Und hinzu kommt eine deutlich negativere Einschätzung der eigenen Perspektiven auf ein gesundes Leben: So schätzen in der Gruppe der „65-Jährigen mit einem niedrigen oder keinem Einkommen“ rund 60% ihre Perspektiven auf eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation als schlecht ein. Bei „Menschen mit einem hohen Einkommen“ sind es nur halb so viele. Auch hier verstärken sich verschiedene negative Lebensumstände gegenseitig.

Kann man die gesellschaftlichen Gruppen, die besonders von gesundheitlicher Chancenungleichheit betroffen sind, konkreter identifizieren?

Es geht grundsätzlich um alle Menschen mit einer sogenannten sozio-ökonomischen Benachteiligung. Diese Benachteiligung wird maßgeblich anhand von Einkommen, Bildungsstand und beruflicher Stellung gemessen. In der Fach-Szene sprechen wir dann von „vulnerablen („verletzlichen“) Gruppen“ oder von „Menschen mit Armutserfahrung“, die hier besonders gefährdet sind. Das sind unter anderem Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit und in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Alleinerziehende mit wenig Einkommen, Menschen mit einem schwierigen Migrationshintergrund, ganz generell Menschen mit niedrigem Bildungsstand und nicht zuletzt die immer größer werdende Gruppe vereinsamter Senioren.

Besonders bedeutsam erscheint mir hier auch noch einmal der Blick auf Kinder und Jugendliche, deren gesundheitliche Entwicklung maßgeblich durch ihre soziale Herkunft beeinflusst wird: Nach Schätzungen sind in Deutschland mehr als eine Million Kinder unterdurchschnittlich begütert und „erben“ damit quasi auch ein Risiko für gesundheitliche Bedrohung.

Wir sprechen also über eine komplexe Situation, in der viele Faktoren miteinander zusammenhängen und sich oftmals auch gegenseitig verstärken.

Richtig. Und nicht alles ist direkt beeinflussbar.

Es bleibt aber die Kernaussage, dass ungleiche gesellschaftliche Einkommens-, Bildungs- und Machtverhältnisse zu unterschiedlichen Gesundheitsrisiken und -belastungen führen. Hinzu kommen unterschiedlich ausgeprägte Bewältigungskompetenzen und -chancen. Deshalb gibt es auch keine einfachen Antworten oder Lösungen.

Warum geht es uns alle an und warum sollten wir uns um dieses Thema besonders kümmern?

Natürlich geht es in erster Linie um einen Abbau von Ungerechtigkeiten bei den individuellen Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Erwachsenen. Das muss auch im Interesse einer stabilen und funktionierenden demokratischen Gesellschaft sein. Wir dürfen es als Gesellschaft einfach nicht aushalten, dass jeder Fünfte bei einem theoretisch gleichen gesundheitlichen Versorgungs- und Vorsorgeanspruch weniger gesund lebt und sogar deutlich früher stirbt, nur weil sie oder er ärmer ist.

Man kann das natürlich auf verfassungsrechtliche, ethische oder moralische Fragen reduzieren, aber mich bewegt das auch persönlich und treibt mich sehr um.

Und rein volkswirtschaftlich betrachtet sind Reparaturen (hier: die Behandlung von Krankheiten und deren gesellschaftlichen Folgen) auch immer teurer, als eine funktionierende Prävention.

Was jedoch nicht vergessen werden darf: Gesundheitliche Chancengleichheit ist auch ein wichtiger Beitrag für die politische Kultur in unserem Land. Wenn Menschen Selbstwirksamkeit (wieder) erfahren, dann stärkt das unsere Gesellschaft. Das würde ich mit meinem Team gerne sogar noch weiterdenken: Vom Fürsorgeparadigma zum Befähigungsparadigma – das wäre eine tolle Entwicklung und für viele andere gesellschaftliche Herausforderungen ein echter Gewinn.

Man spürt: Du brennst für das Thema. Warum?

Schon in der Schule bin ich mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitsbedürfnis aufgefallen. Später habe ich Soziale Arbeit studiert. Und in meinem Berufsleben war ich von Beginn an direkt oder indirekt mit Themen der gesundheitlichen Chancengleichheit konfrontiert. Meine Stärke habe ich dabei darin entdeckt, Brücken zwischen verschiedenen Welten und Ansichten zu bauen.

In den vergangenen 15 Jahren habe ich sehr viele Menschen kennengelernt, die von der Gesellschaft ausgegrenzt, abgestempelt oder sogar abgeschrieben wurden. Ich habe in ihnen nahezu immer Menschen mit wertvollen Fähigkeiten und Kompetenzen gesehen. Dabei habe ich bemerkt, dass Angebote, die für diese Menschen gestaltet wurden, oft an ihren Wünschen und tatsächlichen Problemlagen vorbeigingen. Sie setzten oft nicht an den wirklichen Problemursachen an.

Brücken schlagen

Mich stört es sehr, wenn sich die vereinfachte Logik durchsetzt, dass die betroffenen Menschen ja an so vielen Angeboten teilnehmen und teilhaben könnten – sie es eben meist nur nicht wollen würden. Gut gemeint ist eben nicht immer auch gut gemacht. Ich stehe klar für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Wir sollten einander mit Respekt und Vertrauen begegnen, anstatt mit der Einschätzung zu wissen, was für andere gut sei.

Es reizt mich, eingeschliffene, manchmal verkrustete und oftmals überholte Sicht- und Arbeitsweisen zu verändern. Solche erlebe ich bei den betroffenen Gruppen ebenso wie bei den professionell Handelnden. Dieser Weg ist allerdings ein komplexer, langwieriger und bisweilen schwieriger Prozess.

Was können wir als Gesellschaft – jede(r) Einzelne, Kommunen, Staat, Unternehmen und viele andere – angesichts dieser Herausforderungen tun?

Jede(r) Einzelne kann bei sich selbst anfangen und überlegen, wie sie oder er menschliche Beziehungen gestaltet. Viele Menschen – egal ob krank, arm, mit Behinderung, neu zugezogen oder anders denkend – beschreiben ähnliche Erfahrungen: In einer schwierigen Lebenslage allein gelassen oder gar nicht erst in die Gesellschaft aufgenommen worden zu sein. Bewusst oder unbewusst wenden wir uns von Menschen ab, die nicht in unsere gedankliche oder reale Komfortzone hineinpassen. Wir sollten offener aufeinander zugehen. Wir sollten besser damit umgehen, dass wir unterschiedlich und zugleich gleichberechtigt und gleichwertig sind.

Kommunen sollten Begegnungsmöglichkeiten schaffen und Menschen mit Teilhabeeinschränkungen gezielt aufmuntern, an gesundheitsförderlichen Angeboten und Veranstaltungen teilzunehmen. Diese müssten so geplant und gestaltet sein, dass wirklich ALLE teilnehmen können.

Aufeinander zugehen

Der Staat soll dafür seine Anstrengungen erhöhen, um beispielsweise Bau- und Infrastrukturmaßnahmen, aber auch Sozialgesetze oder das Bildungssystem so zu gestalten, dass auch den oben genannten vulnerablen Gruppen und besonders auch Kindern ein besseres Miteinander ermöglicht wird und gesundheitsförderliche Chancen gerechter verteilt sind.

Unternehmen können ihr soziales Engagement gezielt verstärken, indem sie sich beispielsweise an regionalen Netzwerken zur Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit beteiligen. Hier bestehen oft Überschneidungen sowie interessante und wertvolle Netzwerke zwischen ihren Beschäftigten und den gemeinten Kernzielgruppen.

Anstatt zu appellieren, zu mahnen und zu sanktionieren, sollten auch Menschen in schwierigen Lebenslagen ernst genommen werden. Sie sind die eigentlichen Expert*innen ihrer Lebenswelt und sollten als solche angenommen und wertgeschätzt werden. Dazu gehört auch, sich einzugestehen, dass zahlreiche aktuelle Strukturen und Angebote Ungleichheiten eher verfestigen oder sogar verstärken, als sie abzubauen. Wir können alle aktiv an einer Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit mitwirken. Ich bin überzeugt, dass wir alle von davon profitieren.

Was möchtet Ihr als matrix-Team in diesem Themenfeld vor allem bewegen? Was macht euch in besonderer Weise aus?

Wir bringen unsere jahrelange Erfahrung als Prozessbegleiter ein, strukturieren komplexe Fragestellungen und bieten an, diese inhaltlich und methodisch klar zu moderieren. Dabei unterstützen wir sowohl in ganz praktischen, operativen als auch grundlegenden, strategischen Aspekten. Im Rahmen unserer Arbeit legen wir konsequent Wert auf Qualifizierung und Stärkung der Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten.

Wir setzen dort an, wo an einer Begleitung interessierte Akteure stehen. Besondere Kompetenz bringen wir gerade auch für sehr heterogene Gruppen mit, zwischen denen auch ein klares Machtgefälle besteht. Wir entwickeln mit ihnen einen Plan, wie vor Ort und im gegebenen Themenfeld qualitätsorientiert vorgegangen werden könnte. Handlungsleitend für stabile Ergebnisse sind für uns dabei Qualitätskriterien wie Partizipation, Zusammenarbeit, Prozess- und Strukturqualität.

Partizipation

Wir tragen dazu bei, Kommunikations- und Veränderungsprozesse auf Augenhöhe zu ermöglichen und zu organisieren. Wir unterstützen Menschen in schwierigen Lebenslagen und professionell Handelnde auf ihrem Weg zu mehr Beteiligung und Zusammenarbeit. Dabei geht es auch immer um Änderungen in bestehenden (Angebots-) Strukturen und Programmen.

Hier bietet beispielsweise das Bundespräventionsgesetz gute konzeptionelle und finanzielle Möglichkeiten, Netzwerkstrukturen und Projekte zur Förderung der Gesundheitlichen Chancengleichheit zu initiieren und eröffnet so Möglichkeiten, das professionelle Handeln unter den Qualitätsaspekten der Partizipation und des Empowerments zu unterstützen.

Liebe Zsuzsanna, vielen Dank für diesen sehr persönlichen Einblick in Deine ausgesprochen anspruchsvolle und wertvolle Arbeit.


Podcast-Tipp: Armut und Gesundheit – Der Public Health-Podcast

In Folge 4 spricht Zsuzsanna Majzik mit Gesine Bär, Annika Frahsa und Susanne Hartung über das Thema Partizipation und Gesundheit.